„Langsam geht mir echt das Geld aus.“
Diesen Satz höre ich in letzter Zeit immer öfter, wenn ich mit Freunden oder Bekannten telefoniere. Dann muss ich immer daran denken, dass es mir im Gegensatz zu anderen noch halbwegs gut geht. Denn zum Glück bin ich nicht selbständig und habe als Folge der Corona-Krise daher auch nicht mit Umsatzeinbrüchen zu kämpfen. Aber ich habe meinen Job verloren und mit dem Arbeitslosengeld werde ich meine Rechnungen auf Dauer nicht bezahlen können. Das liegt weniger daran, dass ich einen teuren Lebensstil pflege, im Grunde lebe ich sehr bescheiden und war schon lange nicht mehr richtig auf Urlaub. Mein Auto ist alt und auch meine Einrichtung hat schon bessere Zeiten gesehen. Aber ich muss Unterhalt für zwei Kinder bezahlen und obwohl ich mit meiner Ex-Frau eigentlich ganz gut auskomme, wird sie mir in dem Punkt wohl nicht entgegenkommen. Immerhin brauchen die Kinder ständig irgendetwas Neues, Kinder wachsen ja dermaßen schnell, die Kleider des Vorjahres aufzutragen ist reine Illusion. Da rede ich noch nicht mal von teuren Sportgeräten oder Ausflügen, es reicht schon, dass Kindergarten und Hort bezahlt werden müssen. Jeder, der Kinder hat, kennt das ja.

Was mir aber am meisten Sorge macht, ist die Frage, ob ich je wieder einen neuen Job finde. Ich will ja nicht behaupten, dass ich mit meiner alten Arbeit besonders glücklich war, mehr als einmal habe ich darüber nachgedacht, einfach zu kündigen und irgendwo anders noch mal ganz von vorne anzufangen. Aber dann hat mich die Realität wieder eingeholt, ich bin Mitte Vierzig und habe einfach Angst, am Arbeitsmarkt bald schon zum alten Eisen zu gehören. Irgendwie ist das alles total verrückt, aber wenn man sich die Nachrichten so anschaut, weiß man, dass Leute ab einem gewissen Alter echte Probleme haben, sich beruflich noch mal zu verändern. Vielleicht habe ich aber auch einfach den richtigen Zeitpunkt verpasst und jetzt, in Zeiten von Corona, stehen die Chancen natürlich schlechter denn je, beruflich noch mal richtig Fuß zu fassen. Zumindest in den Branchen, in denen es auch schon vor der Krise nicht allzu gut gelaufen ist. Das betrifft auch die Firma, für die ich zuletzt gearbeitet habe. Die hatten schon länger mit Umsatzeinbrüchen und Konkurrenzdruck zu kämpfen und ich denke, wenn die Krise noch länger andauert, können die zusperren. Leider haben sie sich auch nicht auf Kurzarbeit eingelassen, von der Regierung wurde dafür ja kräftig Werbung gemacht, aber ich glaube, mein Boss hat einfach die Chance genutzt, mal ein paar Mitarbeiter loszuwerden.

„Gesundschrumpfen“ nennt er das, aber ich glaube nicht, dass sein Plan aufgehen wird. Denn wenn die Ausgangsbeschränkungen erst mal wieder aufgehoben sind, sind etliche der Leute, die jetzt ihren Job verloren haben, ja immer noch arbeitslos. Viele von denen werden sicher nicht gleich etwas finden, Firmen sperren zu und die Kaufkraft nimmt ab. Dann bin ich mal gespannt, ob sich mein früherer Chef da wirklich gesundschrumpfen kann oder ob das für ihn und sein Unternehmen dann einfach der Anfang vom Ende ist. Aber zum Glück ist das ja nicht mehr mein Problem. Ich habe jetzt ganz andere Sorgen.

„Wenn Sie mit der Kreditrate aussetzen möchten, müssen sie einen Antrag stellen. Versprechen kann ich aber nichts.“

Diese ernüchternde Antwort habe ich bekommen, als ich letztens mal bei meiner Bank nachgefragt habe, ob es möglich wäre, ein paar Monate mit den Zahlungen zu pausieren. Dabei geht es um alte Schulden, die ich als Folge der Scheidung noch abbezahlen muss. Meine Ex und ich haben uns damals ein Haus gekauft, aber dann ist unsere Ehe in die Brüche gegangen und obwohl wir das Haus wieder verkauft haben, sind am Ende noch Schulden übrig geblieben. Die stottere ich jetzt immer noch ab. Meine Ex-Frau hat dafür einen anderen Kredit übernommen, das ist auch der Grund, warum sie den Unterhalt für die Kinder so dringend braucht.

„Loch auf, Loch zu“, haben meine Eltern das früher immer genannt, wenn das Geld zur Monatsmitte immer schon knapp war. Trotzdem habe ich natürlich gehofft, dass die Bank aus Anlass der aktuellen Situation etwas großzügiger wäre. Aber die haben offenbar auch ihre Vorgaben. Natürlich musste ich die Karten auf den Tisch legen und angeben, dass ich seit Neuestem arbeitslos bin. Jetzt sind sie natürlich doppelt vorsichtig. Geärgert hat mich das schon. Wenn man die Nachrichten anschaut, klingt es ja immer so, als ob Banken und Regierung nur darauf warten würden, jedermann hilfreich unter die Arme zu greifen. Das ist aber überhaupt nicht so und am Ende steht man doch allein da. Da kann der Bundeskanzler reden, was er will. Er wird mir meine Schulden und Existenzängste wohl nicht abnehmen können, wahrscheinlich muss ich froh sein, dass ich überhaupt Geld vom AMS bekomme. Ein guter Freund von mir hat sich zu Jahresbeginn selbständig gemacht und jetzt schaut er erst mal durch die Finger. Bis jetzt hat er noch kein Geld gesehen von all den Millionen, die plötzlich locker gemacht werden. Stattdessen hat er mir erzählt, dass alle, die mehrfach versichert sind oder erst 2020 gegründet haben, von der „Phase 1“ des Härtefallfonds nicht umfasst sind.

„Wenn du teilweise angestellt und gleichzeitig selbständig bist, kriegst du nichts. Und wer sich erst heuer selbständig gemacht hat, kriegt auch nichts.“

Irgendwie ist das ja vielleicht auch fair, immerhin gibt es viele, die noch weniger haben. Das nutzt all denjenigen, die erst mal komplett am Trockenen sitzen, aber auch nichts. Deshalb haben sie den Notfallplan ja angeblich auch nachgebessert. Bin gespannt, was sich da jetzt in „Phase 2“ konkret verändert. Wünschen würde ich es meinem Freund, dass er Hilfe bekommt, immerhin war das AMS noch vor ein paar Monaten sehr froh, ihn aus der Statistik zu haben. Aber jetzt ist er selbständig und kann zusehen, wo er bleibt. Am Arbeitsmarkt hätte er aber ohnehin kaum noch eine Chance gehabt, er ist ein paar Jahre älter als ich, da möchte ich mal wissen, wer ihm mit Mitte Fünfzig noch einen Job gibt.

„Findest du das alles nicht komplett verrückt?“, hat er mich letztens gefragt und ich kann ihm nur Recht geben. Immer mehr Leute werden aus dem Berufsalltag raus gekickt, sind arbeitslos, hoffen auf Reha-Geld oder vorzeitige Alterspension. Und trotzdem hören viele Menschen immer noch nicht auf, ständig weiter zu konsumieren oder irgendeinen Schrott zu produzieren. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe im Leben! Der Betrieb, für den ich zuletzt gearbeitet habe, war ja auch von dieser Sorte. Im Grunde haben wir nur Mist produziert, kurzlebige Konsumgüter, Berge von Wegwerfartikeln, von Nachhaltigkeit oder Umweltbewusstsein keine Spur.

Insofern sollte ich vielleicht wirklich froh sein, dass ich den Job los bin. Aber ob wirklich etwas Besseres nachkommt?

„Vielleicht gibt’s ja irgendwann doch das bedingungslose Grundeinkommen“, hat meine Schwester letztens gemeint, aber ich bin da skeptisch. Mir ist nicht ganz klar, wie das finanziert werden soll. Trotzdem würde ich es gut finden, wenn sich die Welt auch mal Gedanken macht, wie es nach COVID-19 weiter gehen soll. Wer sagt denn schon, dass uns so eine Pandemie in ein paar Jahren nicht noch mal treffen kann? Wäre es da nicht gut, vorbereitet zu sein? Deshalb finde ich auch die Überlegungen zur Entschleunigung gut. Im Grunde beneide ich alle, die derzeit im Homeoffice arbeiten können. Man spart jede Menge Fahrtzeit, Zeit und Energie, die man anderweitig besser verwenden könnte. Deshalb muss ich auch sagen, dass ich die derzeitige Situation, abgesehen von meinen wirtschaftlichen Sorgen, gar nicht so schlecht finde. Endlich komme ich zur Ruhe, ich kann mich schon gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal so lange zu Hause war. Wahrscheinlich noch nie. Natürlich finde ich die Ausgangsbeschränkungen auch nicht super, aber ich genieße die Stille und einsam fühle ich mich auch nicht. Ehrlich gesagt, bin ich froh, diesem ganzen Irrsinn mal eine Zeitlang entkommen zu sein. Meine Magenbeschwerden sind besser geworden und ich habe auch weniger Probleme mit dem Blutdruck. Der Stress im Job war in letzter Zeit schon extrem. Und auch die Umwelt profitiert von Corona. Natürlich möchte ich nicht, dass Leute krank sind oder sterben, aber wenn ich an den Flugverkehr denke und all die Produktionen, die jetzt stillstehen, hat das schon auch etwas für sich. Klar weiß ich, dass da Arbeitsplätze dranhängen, aber ich glaube auch, dass der Mensch immer Mittel und Wege finden wird, um aus Krisen auch gestärkt hervor zu gehen. Vielleicht verändert sich ja wirklich etwas zum Besseren.

„Brauchen wir wirklich all den Plastikschrott?“, hat mich eine Bekannte letztens gefragt. Und dann hat sie mir erzählt, dass sie mal ein Jahr lang Aufzeichnungen über all die Dinge geführt hat, die sie immer dann kaufen wollte, wenn sie im Job gefrustet war.

„Du glaubst nicht, was da alles zusammenkommt! Spart echt Geld, wenn man sich das mal bewusst macht!“

Zuerst dachte ich, dass das sehr subjektiv ist, vielleicht ist sie eine von denen, die hundert Paar Schuhe oder zwanzig Handtaschen zu Hause haben. Aber dann habe ich aus reiner Neugier begonnen, selbst auch mal zu notieren, was ich eigentlich alles nicht brauche. Da ist schon auch einiges zusammengekommen. Selbst jemand wie ich, der nicht dazu neigt, unnötig Geld auszugeben, kann mit weit weniger auskommen, wenn er achtsam mit dem umgeht, was er hat. Gerade am Beispiel meiner früheren Firma hat man ja gesehen, dass die Leute langsam umdenken. Immer mehr Leute fangen an, Dinge wieder zu reparieren, statt immer nur alles auf den Müll zu schmeißen. In meiner Firma wurde ja sozusagen mit dem Verkauf von unnötigem Müll Geld gemacht. Im Grunde bin ich froh, dass ich nicht mehr Teil dieses Systems bin. Trotzdem wünsche ich mir natürlich, dass ich bald wieder Arbeit finde. Das kostet mich schon auch schlaflose Nächte, ganz so entspannt und optimistisch bin ich dann doch nicht. Aber zumindest bemühe ich mich, auch den Vorteil und die Chance in meiner Situation zu sehen, es hilft ja ohnehin nichts. Wir müssen alle versuchen, das Beste aus unserem Leben zu machen. Und dabei soll man natürlich auch nie vergessen, wie wichtig es ist, gesund zu bleiben. Ohne Gesundheit nützt ja auch der tollste Job nichts.


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