„Bin ich froh, wenn endlich wieder Normalität einkehrt!“

„Na ja. Was man halt so „normal“ nennt.“ Diesen Kommentar kann ich mir manchmal nicht verkneifen, wenn ich höre, dass es jemand kaum erwarten kann, bis „alles wieder losgeht“.

Meistens sage ich nichts, aber manchmal packt es mich doch und ich versuche den Blick der Leute zu schärfen, für das, was uns gerade geschenkt wird. Natürlich gelingt das nicht immer, manche wollen ganz einfach in ihrem alten Trott verharren, da kann man nichts machen. Und es ist ja auch ihr gutes Recht, jeder Mensch hat seinen ganz persönlichen Weg und nimmt sich die Zeit dafür, die er braucht.

Zum Glück gibt es aber auch immer mehr Menschen, die so denken, wie ich. Denen das ewige Hamsterrad auch schon zum Hals heraus hängt. Menschen, die den derzeitigen Zustand der Ruhe und Stille genießen. Die erkennen, dass die „Corona-Krise“ nicht nur Schlechtes mit sich bringt, sondern auch die Möglichkeit bietet, noch einmal ganz neu anzufangen. Oder zumindest einiges zu ändern.

„Das ist doch verantwortungslos“, hat letztens eine Bekannte gemeint, als ich ihr von meinen Überlegungen erzählt habe. Dabei hat sie mich natürlich missverstanden, nichts liegt mir ferner, als Menschen Krankheit oder Tod zu wünschen. Und ich verstehe auch, dass sich viele Leute Sorgen machen. Um ihre Zukunft, ihren Beruf, ihre Kinder und um die Welt ganz allgemein. Ich kenne selbst Menschen, die ihren Job verloren haben oder um ihren Arbeitsplatz bangen. Menschen, die sich einsam und sozial isoliert fühlen. Und auch Menschen, in deren Familie jemand krank ist und sich in Behandlung befindet. Gerade deshalb finde ich es aber umso wichtiger, auch mal einen Moment innezuhalten, hinter die Kulissen zu schauen und nicht all denen nachzurennen, die nur darauf warten, dass alles wieder seinen „gewohnten Gang“ geht. Denn gerade die alte Routine hat uns ja überhaupt erst krank gemacht.

„Findest du das nicht ein bisschen radikal?“, werde ich gefragt, wenn ich diese Sichtweise vertrete.

„Radikal? Nein. Radikal ist, was der Mensch mit dieser Welt anstellt.“ Die Art, wie wir diesen Planeten ausbeuten, der Glaube daran, dass Konsum glücklich macht und alles jederzeit verfügbar sein muss. Dabei kann das Leben so schön sein, wenn man auch mal einen Gang zurückschaltet. Und sich wieder auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben besinnt. Ruhe und Freundschaft zum Beispiel, die Wiederentdeckung der Natur, die Begegnung mit dem eigenen Ich. Jenseits dessen, was das Ego sagt oder was andere Leute denken, sagen, tun und meinen.

„Und genau dafür ist jetzt die beste Gelegenheit.“ Ganz aufgeben kann ich es ja nicht, in den Leuten ein bisschen mehr Bewusstsein für das, was gerade weltweit passiert, zu wecken. Nicht, dass ich glaube, den Stein der Weisen zu besitzen oder in allem Recht zu haben. Aber ich finde, jeder Mensch kann etwas dazu beitragen, dass die Menschheit endlich mal aufwacht. Es geht mir einfach darum, dass wir alle es in der Hand haben, die Krise auch als Chance zu nutzen. Und ich glaube, dass mittlerweile immer mehr Menschen erkennen, dass wir einem falschen Weg folgen, wenn wir noch lange so weiter machen.

Mittlerweile kenne ich genug Menschen, die froh sind, endlich mal Zeit für sich zu haben. Die meisten trauen sich das gar nicht laut zu sagen und gestehen es sich und anderen erst mal ganz verschämt ein. Immerhin wurden wir ja darauf gedrillt, „produktiv“ zu sein. Um dann mit unserem sauer verdienten Geld Wohnraum zu schaffen, den wir kaum nutzen, weil wir ohnehin die meiste Zeit nicht zu Hause sind. Um Kinder in die Welt zu setzen, für die wir kaum Zeit haben und Kredite abzuzahlen für Dinge, die wir nach kurzer Zeit wieder wegwerfen. Oder die ohnehin nur dazu dienen, die Leere in unserem Inneren zu füllen. Ich glaube wirklich, immer mehr Menschen wünschen sich mehr Zeit und Ruhe. Für ihre Kinder, für die Partnerschaft oder einfach dafür, mal darüber nachzudenken, ob es wirklich Sinn macht, sofort am „Tag X“ wieder aus allen Rohren zu feuern, Billigflüge zu checken und versäumte Urlaube nachzuholen. Nur, um dann am anderen Ende der Welt genau das zu suchen, was wir zu Hause schon lange verloren haben. Den Bezug zu uns selbst, zu unserem tiefsten inneren Kern, zu der Erkenntnis, dass weder wir Menschen noch die Natur ständig „optimiert“ werden muss.

„Und was schlägst du jetzt vor?“ Natürlich werde ich das auch oft gefragt, wenn ich auf diese Weise laut meinen Gedanken nachhänge. Ich denke aber, das ist die falsche Frage. Es geht gerade nicht darum, was andere vorschlagen. Es geht darum, was wir selbst wieder in uns entdecken. Denn ich bin zutiefst davon überzeugt, dass jeder Mensch etwas Besonderes ist. Jeder Mensch hat etwas zu geben und in diese Welt einzubringen. Ganz egal, ob in einem politischen Amt oder in der eigenen Familie. Ob groß oder klein spielt dabei keine Rolle. Interessanterweise werden ja gerade jetzt Berufe, für die es früher wenig Anerkennung gab, hoch gelobt. Menschen, die im Supermarkt arbeiten, Pflegekräfte, die ihre Familien oft wochenlang nicht sehen, Menschen, die ihrer Berufung folgen und Gutes für andere tun. Natürlich kann das nicht jeder und es ist auch gar nicht notwendig. Es machte ja keinen Sinn, wenn wir alle gleich wären. Der eine kann dies, der andere jenes. Wenn wir erst mal begreifen, wie wichtig es ist, Kinder nicht zu fragen, was sie „einmal werden“ wollen, sondern sie von Anfang an in dem zu unterstützen, wer und was sie sind, wäre schon viel gewonnen. Dazu müssten wir aber aufhören, ständig bei uns und anderen Fehler zu suchen und uns an dem orientieren, was ein Mensch kann und von Natur aus mitbringt. Dann hätten wir vielleicht auch weniger Menschen in Führungspositionen, denen das im Grunde genommen überhaupt nicht liegt. Und dafür andere, die nicht in der zweiten, dritten oder elften Reihe versauern, sondern in ihren Talenten und Fähigkeiten wirklich erkannt werden.

„Jetzt schweifst du aber ganz schön ab“, hat eine Bekannte letztens gemeint, als wir telefoniert haben. Da hatte sie natürlich Recht, aber wenn ich bei diesem Thema bin, komme ich gerne von Hundertsten ins Tausendste. Und es hängt ja auch wirklich alles mit allem zusammen.

„Alles ist mit allem verbunden“, hat schon Hildegard von Bingen gesagt. Wir können unser Leben nicht von dem der anderen trennen, der Mensch kann nicht isoliert von Umwelt und Natur leben. Und gerade die Natur führt uns ja immer wieder vor Augen, dass wir dabei sind, Grenzen zu überschreiten. Ganz egal, ob durch Überschwemmungen, Orkane, Waldbrände oder weltweite Pandemien. Ich bin ja nicht religiös, aber ich glaube schon daran, dass uns die Welt anvertraut ist. Und nicht zur Ausbeutung überlassen.

Interessant finde ich auch, was plötzlich alles möglich ist. Noch vor einiger Zeit hätten bei mir im Büro alle aufgejault, wenn von Videokonferenzen und Homeoffice die Rede gewesen wäre. Plötzlich ist das alles gelebter Alltag. Natürlich gab es anfangs noch ein paar Hürden zu überwinden, aber alles ist lernbar. Letztendlich ist alles nur Übungssache. Früher hätte sich auch niemand vorstellen können, dass man mal ohne Schreibmaschine und Telefaxgerät arbeiten kann. Heutzutage stehen diese Sachen im Museum.

Vor allem Homeoffice ist ja etwas, das man auch nach dem Ende der COVID-19-Krise beibehalten könnte. Zumindest teilweise. Natürlich ist mir klar, dass das nicht in allen Berufen gehen wird, aber in einigen sehr wohl. Das würde auch der Umwelt guttun.

„Stimmt. Früher habe ich einmal pro Woche getankt. Jetzt höchstens einmal im Monat.“ Beim Thema „Spritsparen“ kann ich dann meistens auch den größten Zweifler von meinen Ansätzen überzeugen. Oder zumindest zum Nachdenken bringen.

„Der Umwelt tut die Auszeit auf jeden Fall gut. Ich bin sicher, der Co2-Ausstoß ist seit Mitte März weltweit gesunken.“

Na bitte. Bei solchen Sätzen grinse ich dann meistens still und heimlich in mich hinein. Und freue mich. Denn ich bin keinesfalls der Ansicht, dass der Mensch per se schlecht ist. Aber wir sind Herdentiere und laufen manchmal viel zu lange falschen Idealen nach.

Deshalb glaube ich auch trotz allem daran, dass die Welt dabei ist, sich zum Besseren zu wenden. Von allein tut sich ja leider nichts. Vielleicht braucht der Mensch immer Krisen und Anstöße von außen, bevor sich innerlich etwas ändert. Oder gibt es wirklich noch Menschen, die der Meinung sind, dass der Klimawandel eine Erfindung ist oder wir einen Planeten B zur Verfügung haben?

„Aber hast du keine Angst, dass manche Branchen einfach aussterben, wenn wir noch länger alles runterfahren?“ Das ist auch so eine Frage, mit der ich öfter konfrontiert werde. Und ich muss ehrlich sagen, vielleicht bin ich diesbezüglich wirklich ein bisschen radikal. Denn wer braucht schon Firmen, die ohnehin nur Müll produzieren? Wenn sich das Leben und die Einstellung der Menschen verändert, verändern sich natürlich auf die Berufe. Das hat es aber immer schon gegeben. Dafür werden neue Berufe kommen. Auch das ist ganz normal. Wer hätte sich früher schon vorstellen können, was ein PR-Manager macht oder ein IT-Systembetreuer? Ich hoffe aber auch, dass einige Berufe wiederentdeckt werden, die beinahe schon ausgestorben sind. Denn wer heutzutage etwas reparieren lassen will, hat schlechte Karten. Auch das könnte sich ändern, wenn wir besser auf die vorhandenen Ressourcen achten.

„Jetzt wirst du aber wirklich ein bisschen zu romantisch“, höre ich dann meistens.

„Vielleicht“, sage ich dann. Aber romantisch oder nicht: Ich für meinen Teil glaube fest daran, dass jeder von uns einen Anteil daran hat, die Welt zum Besseren zu wenden. Wir müssen uns nur ein bisschen Mühe geben.


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